Einmal Wat Tung und zurück
Aufzeichnungen einer außergewöhnlichen Reise
Es klappt gleich am nächsten Tag gegen Mittag und es wird ein reiner
Damenausflug. Die Mönchsväter wollen nicht mitfahren. Leifs Vater will
seinem Sohn beim Einpflanzen der neu gekauften Pflanzen helfen. Leif selber ist es
als Mönch nicht gestattet, in der Erde zu graben. Jedoch darf er sich um seine
Pflanzen kümmern, sie pflegen. Bernd will Johannes ein wenig bei seinen
alltäglichen Verrichtungen zuschauen. Heute ist Waschtag angesagt.
Außerdem rasieren sich die Mönche und Nonnen heute noch ihre Köpfe
kahl. Das ist 1x im Monat vor dem Mönchstag zu Vollmond dran. Brigitte
erscheint zur Damentour noch mit kurzer Stoppelfrisur. Sie wird ihren Kopf am Abend
nach unserer Rückkehr aus Suphanburi rasieren. Sie hat die braune
Arbeitskleidung der Nonnen gegen die weiße Ausgehrobe getauscht und nun kann
es losgehen.
Das Fahrzeug, was uns nach Suphanburi bringt, ist ein Isuzu Wanderer.
Isuzus sind überhaupt die meistgesehensten Autos auf Thailands Straßen.
Wie wir erfahren, werden sie in Thailand unter japanischer Lizenz produziert. Die
Besitzerin des Isuzus fährt auch mit. Sie hat das Auto gekauft, besitzt aber selbst
keinen Führerschein. So benötigt sie immer einen Chauffeur. In unserem
Fall haben wir eine Fahrerin. Es ist die kleine lustige Nonne Ah, Eh gesprochen.
Ah übernimmt sehr gern diese Aufgabe; sie ist eine begeisterte und rasante
Autofahrerin. Eigentlich ist es Nonnen und Mönchen untersagt, außerhalb der
Tempelanlagen Fahrzeuge zu steuern . Ah setzt einfach eine weiße
Pelzmütze auf, so daß man von außen nicht ihren kahlgeschorenen
Kopf sehen kann und damit ist dieses Verbot umgangen. Ich frage mich, wieso der
Buddha den Mönchen das Autofahren verbieten kann, wo es doch zu Buddhas
Zeiten noch gar keine Autos gab. Ein Handy dürfen dagegen Mönche
besitzen, wenn ihnen jemand die Gebühren bezahlt. Manche Dinge, die im
alltäglichen Leben Verbotenes und Erlaubtes regeln, sind für
Außenstehende schon schwer zu begreifen. Einen Führerschein soll man in
Thailand bekommen, wenn man 500 Baht bezahlt. Fahrstunden und eine Prüfung
sind nicht abzulegen. Entsprechend hoch ist in Thailand die Zahl der jungen
Verkehrsopfer. Zu Silvester, sagt Brigitte, soll es 5000 Verkehrstote in Thailand
gegeben haben.
Wir sind also zu fünft: die Autobesitzerin, die flotte Fahrerin Ah, Brigitte und wir
beiden Mütter. Zuerst geht es zur Bank, Baht eintauschen. Danach gehts zur Post.
Wir kaufen für Johannes auch noch einige Aerogramme; das sind bereits frankierte
Luftpostbriefe. Die muß er dann nur noch mit einer Seite Neuigkeiten aus dem
Kloster füllen und kann sie sofort abschicken. Im Gegensatz zu seinem
1-jährigen USA-Aufenthalt während der Schulzeit, in dem wir
vielleicht 4 Briefe im ganzen Jahr bekamen, schrieb Johannes in dem Jahr Thailand
regelmäßig. Manchmal waren es seitenlange, für uns
schwerverständliche Abhandlungen über Buddhismus,
die man mehrfach lesen mußte. Die Schilderungen aus dem Klosterleben,
die Johannes schickte, halfen uns, nicht gar so unvorbereitet in das Abenteuer
Wat Tung zu stürzen.
Nach der Post fahren wir zu einem Supermarkt, kaufen
für Johannes Kokosnußsirup und Mundwasser.
Brigitte kauft12-er Packs von kleinen Popcorn-und Kräckertütchen sowie
eine große Menge Sojamilchpacks, alles für die Mönchsverpflegung.
Ich kaufe im Lotus eine Menge grünes Gemüse, daß sich Johannes
wegen des Chlorophylls gewünscht hat. Das Angebot ist nicht immer gleich
vielfältig, aber heute ist vieles da: Brokkoli, Chinakohl, junge Schoten und noch
vieles mehr. Die Riesentüte Grünzeug kostet an der Kasse gerade mal
5 Mark.
Später am Markt von Sam Chuk kaufen wir eine ganz
außergewöhnliche Pflanze, die aussieht, als hätten sie
Marsmännchen bei einem Besuch auf der Erde vergessen. An dicken Stengeln
hängt so etwas, was wie kleine fliegende Untertassen mit
daumennagelgroßen geschlossenen Bullaugen aussieht. Diese Bullaugen
beherbergen die lecker schmeckenden Lotusnüsse. Später werden wir
Johannes die ganze grüne Pracht vor seine Kuti legen, denn er ist da gerade
mit Bernd spazieren. Er wird die Lotusnüsse zunächst für eine
Blume halten und sie ins Wasser stellen, bis wir es ihm erklären. Er kannte
zwar Lotusnüsse, wußte aber nicht, in welch außerirdischer
Hülle sie ihr Zuhause hatten.
Die Nonnen fragen uns, ob wir die Gelegenheit nutzen wollen, um Luang Poo, der
ganz in der Nähe im Krankenhaus liegt, besuchen wollen. Natürlich
wollen wir. Wann bekommt man schon einmal die Gelegenheit, ein
thailändisches Krankenhaus von innen zu sehen, ohne selbst krank zu sein?
Luang Poo war an diesem Tag am Auge operiert worden, keine komplizierte Sache,
aber für einen fast 85 jährigen natürlich eine Belastung. Wir kaufen
noch 2 Blumenketten und ein paar Milch Energy Drinks. Dann betreten wir das
Krankenhaus. Der erste Eindruck ist gut: Sauberkeit und Ruhe. Es gibt auch keine
Patienten, die auf den Gängen liegen müssen, weil der Platz nicht reicht.
Luang Poo liegt auf dem Bett und schläft, natürlich in seiner
Mönchsrobe. Er wurde erst vor 2 Stunden operiert und hat noch eine Mullbinde
über dem Auge. Wir sind ganz leise, machen nur die üblichen
Ehrenbezeigungen und verschwinden wieder. Vorher hängen wir noch unsere
Blumenketten ans Bett .
Beim Rausgehen kommen wir an der Geburtenstation vorbei.
Neugierig schauen wir durch die Lamellen am Fenster. Sofort werden wir von
einer der anwesenden frischgebackenen Omas hereingewunken.
Wir treten ein; es sind 6 Betten im Zimmer. Bei den jungen Müttern und ihren
Babies sind meistens die Omis, in einem Fall die ganze Familie nebst großem
(ca. 3 Jahre) Geschwisterchen zu Besuch. Man freut sich über unser Kommen,
vor allem sicher, weil wir eine buddhistische Nonne dabei haben. Von Brigittes
Anwesenheit erhofft man sich Segen und Glück für das Kind. Spontan
legt mir eine Thaioma ein kleines Bündel in den Arm: ein winziger,
schwarzhaariger Thai-Junge, der heute geboren wurde. Ich spüre seine kleinen
Beinchen, wie sie sich abstemmen, als er sich streckt. Diese rührende Szene
müssen wir unbedingt im Bild festhalten. Natürlich hat Leifs Mutter ihren
Apparat schußbereit. Nach einer Weile wird es dem kleinen Kerl unbehaglich
und er öffnet sein winziges Mäulchen zum Brüllen. Wir bringen den
6 Müttern noch erfrischende Milchgetränke aus unseren gerade
gekauften Vorräten und verlassen die Klinik.
Vor dem Krankenhaus sind gerade zwei weitere Abordnungen ( alles Frauen, einige
aus dem Tempel und 2 Frauen, die Ärztinnen aus Bangkok sind und die
Brigitte kennt) angekommen, um nach Luang Poo zu sehen. Wir schießen noch
ein Damengruppenfoto und machen uns auf den Heimweg nach Wat Tung.
Bernd sehe ich erst am nächsten Morgen wieder, denn als wir ankommen, ist
es schon wieder dunkel.
9.1.2001 Wan Phra - Der Mönchstag
Der Mönchstag ist ein mehrmals monatlich begangener, durch den
Mondkalender bestimmter Ehrentag für die Mönche. Da Leifs Eltern
schon fast 3 Wochen hier im Wat sind, haben sie die abendliche Prozession, die an
diesen Tagen stattfindet, schon einmal erlebt. Am heutigen Mönchstag ist
Vollmond. Alle Mönche und Nonnen erscheinen an diesem Tag früh zur
Essensausgabe mit frisch geschorenen Köpfen. Besonders bei den Nonnen ist
das ein sehr gewöhnungsbedürftger Anblick.
Tagsüber sind heute keine Aktivitäten außerhalb des Tempels
geplant. Ich nutze die Gelegenheit und bestelle über Brigitte bei einer Frau,
die hier im Tempel arbeitet, eine Thai- Massage. Die junge Frau kommt gegen halb
2 in meine Hütte und schaltet als erstes den Ventilator ein. Dann bedeutet sie
mir, daß ich die Matten, die auf dem Bett liegen, auf den Boden legen soll.
Kurz die Hände zum Gebet gefaltet (sie, nicht ich !), dann geht es los. Nach
2 Stunden bin ich um eine sehr intensive Erfahrung reicher.
Von Thai-Massage hatte ich bisher nur gehört, daß sie nichts mit den uns
bekannten Massagetechniken, die im wesentlichen aus Kneten, Klopfen und
Streicheln bestehen, gemein hat. Thai-Massage ist ganz anders und stellenweise
tut es ganz schön weh. Ich hatte nicht gewußt, daß ich aus so vielen
Knorpeln bestehe, die man so schmerzhaft gegeneinander verschieben kann. Die
junge Frau versteht ihr Handwerk. Sie erkennt Problemzonen und bearbeitet diese
besonders erbarmungslos. Für die Ganzkörpermassage, die nicht am
nackten Körper, sondern durch (wenn möglich dünnen) Stoff
hindurch gemacht wird (ich trage mein langes oranges Baumwollnachthemd),
berechnet sie gerade mal 100 Baht. Wie uns Brigitte sagt, bezahlt man in den
Urlauberregionen ein Vielfaches. Zurück bleibt lediglich eine Art von
Muskelkater und das Gefühl, seinem Körper etwas Gutes getan zu haben.
Die Mönchstag-Aktivitäten beginnen kurz nach 20 Uhr an diesem Abend.
Ich begebe mich, mit Mückenschutz eingerieben und mit Taschenlampe
bewaffnet zum Sala Gäo. Dort wartet schon Bernd auf mich. Eine Thai-Nonne
schenkt jedem von uns eine Räucherkerze. Als auch Leifs Mutter und Vater,
jeder aus seiner Richtung eintreffen, gehen wir in den Gebetsraum. Dort sind schon
30-40 Nonnen versammelt, ebenso sind ganze Thai-Familien mit ihren Kindern
gekommen. Viele haben Körbe mit Blumen dabei. Man sitzt auf Isomatten,
von denen eine bereitwillig für uns weiter ausgerollt wird.
Unsere Männer werden höflich vom Tempeldiener aufgefordert, in der
ersten Reihe Platz zu nehmen. Davor ist ein Podest, ca. 30cm hoch, auf dem wenig
später die Mönche Platz nehmen. Sie müssen höher sitzen
als die Nonnen und die Laien, so will es die Regel. Ein Vorsänger stimmt
einen Sprechgesang an; die Mönche und Nonnen stimmen ein. Johannes
scheint den Text ebenfalls zu kennen, wie man aus seinen Lippenbewegungen
ablesen kann. Die Melodie klingt sehr schön. Nach diesem kurzen Chanting
bekommen die Mönche Blumen und zu trinken ( wahrscheinlich Eiskaffee; so
genau kann man das aus der Ferne nicht erkennen). Dann erheben sie sich und die
Prozession um den Buddha in der linken Saalhälfte beginnt. Alle zünden
ihre Kerzen an und die 3-malige Umrundung der Buddhafigur fängt an. Dabei
wird wieder gesungen. Es ist feierlich und ein bißchen wie Lampionumzug, nur
mit Kerzen. In anderen Tempelgebäuden von Wat Tung habe ich sehr schöne
Buddhafiguren gesehen. Mir ist nicht klar, warum diese Buddha-Prozession um den
kleinsten und mickrigsten Buddha abgehalten wird. Er muß entweder
besonders alt oder besonders wertvoll sein. Ich nehme mir vor, Brigitte danach
zu fragen.
Nach der Prozession nehmen die Mönche wieder Platz, um zu meditieren. Nach
Johannes Aussagen dauert das bis früh um 4 Uhr. So lange halten es
allerdings die wenigsten aus. Es ist keine Pflicht und jeder Mönch entscheidet
das für sich. Für uns ist Schluß an diesem Abend. Ich werde auf
meinem harten Bett schlafen und sicherlich die für heute Nacht gegen 2 Uhr
früh vorhergesagte Mondfinsternis verpassen.
10.1. Letzter Tag im Kloster Wat Tung
Wir holen uns um 9 Uhr das letzte Mal bei diesem Besuch im Kloster Essen vom
Büfett. Das gemeinsame Abschiedsfrühstück wird vor der Hütte
von Leifs Mutter eingenommen. Gegen 11 Uhr finden wir uns zur Verabschiedung bei
Luang Pho ein. Wir, das sind in diesem Fall Brigitte, Johanes Bernd und ich, 3 x
Familie K., Maria und Zois. Leifs Eltern sind schon mit dabei, weil sie 2 Tage nach uns
Wat Tung verlassen, Brigitte aber an diesem Tag nicht in Wat Tung ist und demzufolge
nicht bei der Audienz dolmetschen kann. Brigitte wird uns nach Bangkok begleiten.
Auch Maria kommt mit, um wegen Visaangelegenheiten etwas zu klären. Für
alle Ausländer, die länger als 5 Jahre in Thailand sind (bei Maria werden es
schon 10 Jahre), ist es nicht einfach, eine Verlängerung des Visums zu
bekommen. Viele Wege gibt es dennoch, es zu schaffen: Gute Beziehungen zum
Religionsministerium, viel Geld oder man läßt sich von einem Thai
adoptieren. Letzeres will Maria versuchen, auch wenn ihr das dann wieder viel
Laufereien einbringt, wenn sie mal nach Deutschland muß.
Zois fährt auch mit nach Bangkok, bleibt dort ein paar Tage und fährt dann
weiter, um auf Thailands Inseln Mountainbike zu fahren und zu tauchen. Im März
will er wieder in Wat Tung sein, denn da ist am 12.3.2001 Luang Poo's 85. Geburtstag.
Was er die ganze Zeit bis dahin macht, bleibt unklar. Auf jeden Fall scheint er die
Wintermonate in Thailand zu verbringen.
Bevor wir zu Luang Poo hineingehen, machen wir noch ein Gruppenfoto. Das gestaltet
sich schwierig, da die Thai-Mädels, die die Aufnahme machen sollen partout es
nicht schaffen, den Blitz auszulösen. Viel zu sanft betätigen sie den
Auslöser; endlich klappt es. Die Verabschiedung bei Luang Poo ist sehr kurz, um
ihn nicht zu überanstrengen. Er liegt auf dem Bett, ein Auge immer noch
verbunden. Er wünscht uns eine gute Heimreise und läßt über
Brigitte fragen, wann wir wiederkommen. Wenn Johannes im Mai, wie geplant, zurück
nach Thailand geht, wird es wohl bis Januar 2003 dauern, bis wir wiederkommen.
Der Januar scheint uns ein idealer Reisemonat für Thailand zu sein. Beim
nächsten Besuch bei Johannes in Thailand werden wir uns auch für
Bangkok ein paar Tage Zeit nehmen und natürlich wollen wir auch wie dieses
Mal ans Meer.
Der letzte Nachmittag im Kloster Wat Tung.
Die Prozedur der Leichenwäsche sehen wir hier zum ersten Mal. Damit soll die
Tote von allen schlechten Dingen, die sie im Leben getan oder erlebt hat,
reingewaschen werden. So befreit von allem Übel soll sie dann in ihr neues
Dasein hinübergehen.
Man nimmt aus einer bereitstehenden Schale etwas Wasser und läßt es
über die
Hand der Toten laufen. Johannes tut das als Erster, dann sind Bernd und Leifs Vater
an der Reihe. Es folgen die Nonnen und wir Laien. Brigitte meint, wir sollten ruhig
photographieren, die Thais hätten das gern.
Ich habe meinen Fotoapparat gleich in der Hütte gelassen, als es hieß, wir
gehen zu einer Leichenfeier. Frau K. überwindet ihre Skrupel und schießt
ein paar Fotos. Wie gut es ist, daß sie ihre Kamera dabei hat, zeigt sich bei der
zweiten Beerdigung, zu der wir anschließend fahren.
Bei dieser Feier sitzen
schon seit der Mittagsstunde alle verfügbaren Mönche von
Wat Tung und mit ihnen etwa 1000 weitere Gäste, die zu der Trauerfeier
gekommen sind.
Wir erleben eine Beerdigung, zu der sich die
"Oberen Tausend" von Sam Chuk versammelt haben. Die verstorbene Nonne
gehörte zu einer der reichsten Familien der Umgebung und entsprechend
illustre Gäste, angefangen von hochdekorierten Generälen bis zu Politikern
und Wirtschaftsbossen, defilierten am Schluß der Feier am Sarg vorbei. Den
Anfang des Ehrenzuges aber bildeten die Mönche. Einige aus der Familie der
Nonne hatten zu Ehren der Verstorbenen ihr normales bürgerliches Leben
kurzzeitig verlassen und waren für wenige Tage zum Mönch ordiniert.
Wir fahren zurück nach Wat Tung und machen einen Abschiedsspaziergang mit
Johannes über das Tempelgelände. Morgen früh heißt es
Abschied nehmen von diesem Ort, der uns für eine Woche gastfreundlich
aufnahm und uns ganz intensive Einblicke in das Leben in einem buddhistischen
Kloster gab. Wir sind nach dieser Woche keine Buddhisten geworden und wir sind
auch weit entfernt davon, alles, was der Buddhismus lehrt oder verlangt, zu verstehen.
Aber wir haben gesehen, wie wichtig und notwendig die Mönche und Nonnen
im täglichen Leben in Thailand sind; welche Aufgaben sie in der Gemeinschaft
der Menschen haben.
Wir haben den Tempel Wat Tung als einen offenen, lichten Platz mit ruhigen und
belebten Ecken kennengelernt. Es ist ein Treffpunkt für die Bevölkerung,
ein soziales, kulturelles und religiöses Zentrum zugleich. Wir sind in eine
funktionierende Klostergemeinschaft geraten, in der jeder seinen Platz und seine
Aufgabe hat. Ausgezogen waren wir, um zu sehen, ob es unserem Sohn in dieser
Gemeinschaft gut geht und er glücklich ist. Er hatte geschrieben, daß er
im Wat den Platz seiner Träume gefunden hat. Davon konnten
wir uns überzeugen. Auch für seine 4 Grundbedürfnisse, mehr
scheint er tatsächlich nicht zu haben, wird gesorgt: Essen, Kleidung, Unterkunft
und medizinische Versorgung im Bedarfsfall ist gesichert. Was uns noch wichtig
erschien, ist die Erreichbarkeit in wichtigen Familienangelegenheiten. Mit der
Einrichtung einer Webseite im Internet unter www.vimokkha.com und der e-mail von
Brigitte mckaruna2001@yahoo.com ist das ferne Wat Tung für uns noch ein
ganzes Stück näher gerückt und wir sehen den weiteren Ereignissen
um unseren ältesten Sohn Johannes optimistisch entgegen.
Brigitte hat uns für heute nachmittag angeboten, sie bei 2 Leichenfeiern zu
begleiten. Unsere anfängliche Skepsis wird bald durch unsere Neugier verdrängt
und wir machen uns gegen 14 Uhr auf den Weg. Wir fahren mit dem schon etwas
klapprigen Tempelbus. Fahrerin ist die Nonne Ah mit der weißen Pelzkappe, die
ich unbedingt photographieren muß. Wir fahren zuerst zu einem Tempel, der in
einem lichten Wäldchen liegt. Schon beim Aussteigen hören wir laute, eher
fröhliche Musik aus Lautsprechern schallen. Nach unserer Meinung paßt
diese Musik überhaupt nicht zur Trauerstimmung, aber Brigitte meint, die Thais
lieben das so. Am Eingang des Tempels kommt uns, in Schwarz gekleidet, die Tochter
der Toten entgegen. Sie weint und wird gleich von Brigitte in den Arm genommen. Wir
steigen die Stufen zum Tempel hinauf und sehen aufgebahrt die alte Frau liegen.
Sie war viele Jahre Nonne in Wat Tung gewesen und die Nonnen um uns kennen sie
alle. Da außer Johannes kein weiterer Mönch an dieser Leichenfeier
teilnimmt, ist er als Novize diesmal der Ranghöchste und der Erste bei der
Leichenwäsche.
