Reinheit und Klarblick
by Acharn Thawee Baladhammo

Die Sieben Reinheitsstufen

Nun gibt es sieben unterschiedliche Stufen geistiger Reinheit, die in einem Zustand gipfeln, der die wahre Natur der Existenz unvoreingenommen aufnimmt. Die erste Stufe der Reinheit heißt "Reinheit des Betragens", das bezieht sich auf Sittlichkeit. Die zweite Stufe ist "Reinheit des Geistes" durch Konzentration. Die dritte heißt "Reinheit der Ansicht". Als vierte kommt dann die "Reinheit der Überwindung von Zweifeln". Die fünfte Stufe heißt "Reinheit der Klaren Schau, was der Pfad ist und was nicht der Pfad ist". Die sechste Stufe heißt "Reinheit der Klaren Schau des Übungsablaufs". Die siebte Stufe ist "Reinheit der Klaren Schau". Hier sehen wir die volle Entfaltung der Weisheit.

Der Achfache Pfad ist mit den Sieben Reinheitsstufen durch die dreifache Schulung verbunden. Die erste Reinheitsstufe hängt mit der Sittlichkeit beim Achtfachen Pfad zusammen, die zweite mit der Konzentration. Von der dritten bis zur sechsten Reinheitsstufe wird die Weisheit auf weltlicher Ebene entwickelt, bis sie stark genug ist, das Überweltliche zu erleben. Gleichzeitig wird die Konzentration vertieft und die Sittlichkeit gefestigt, sodaß mit der siebten Reinheitsstufe der ganze Achtfache Pfad voll entfaltet ist. Dann nennt man ihn den Überweltlichen oder Edlen Pfad.

Die Sechzehn Klarblickschritte
Es gibt noch ein anderes Herangehen an die Entfaltung von Weisheit, und zwar mit den sechzehn Schritten des Klarblickswissens. Die Reinheitsstufen beschreiben uns den Zustand des Geistes, wie er sich in Übereinstimmung mit der Entwicklung des Achtfachen Pfades verändert. Die Klarblickschritte, hingegen, geben uns einen lebhafteren Eindruck davon, was der Meditierende während des Übungsverlaufes von der dritten Reinheitsstufe an erlebt. Die ersten drei Klarblickwissen korrespondieren mit den Reinheitsstufen drei, vier und fünf. Auf der Basis der sechsten Stufe gibt es eine Aufeinanderfolge von acht Klarblickswissen, die in die siebte Reinheitsstufe mündet. Die restlichen fünf Klarblickschritte gehören dieser Stufe an. Von den sechzehn Wissenschritten sind nur der vierzehnte und fünfzehnte überweltliche Weisheit, sie sind mit einem überweltlichen Objekt beschäftigt. Alle anderen Klarblickwissen sind weltliche Weisheit, sie haben weltliche Objekte.

Reinheit ist Klarblick
Überhaupt ist der ganze Prozeß der Verfeinerung des Geistes durch die sieben Reinheitsstufen nichts weiter als eine allmähliche Entfaltung von Weisheit, wobei falsche Ansichten berichtigt werden. Wenn ein Klarblickwissen auftaucht, ist es zunächst schwach. Es kann leicht wieder verloren gehen. Wenn der Meditierende sich weiter bemüht, wird sein Klarblick solide und gediegen. Erst dann kann man sagen, daß der Geist die entsprechende Reinheitsstufe erfüllt hat.

Die wichtigste von allen Reinheitststufen ist die sechste. Hier finden wir den Hauptteil der Übung, nachdem der Meditierende die Methode geistiger Entwicklung aus persönlicher Anschauung erkannt hat. Dann kommt eine Abfolge von acht Klarblickwissen ehe die sechste Reinheitsstufe erfüllt ist. Die siebte Reinheitsstufe wird nur mit dem vierzehnten und fünfzehnten Klarblickwissen erreicht. Die sind überweltlich. Da aber das zwölfte und dreizehnte Klarblickwissen, und auch das sechzehnte, untrennbar mit der Erzeugung des Edlen Pfades verbunden sind, werden sie auch zur höchsten Stufe gezählt.

Klarblick ist Achtsamkeit
Das Ziel der Buddhalehre ist die direkte Erfahrung der höchsten Wirklichkeit. Die Übung von Klarblickmeditation fördert die Entwicklung von Weisheit. Und Weisheit hat die Stärke, Unwissenheit zu überwinden. Hier handelt es sich aber um etwas anderes als um Wissen, das wir durch Bücherstudium erwerben können, oder indem wir über unsere Erfahrung reflektieren. Voraussetzung für das Auftauchen von Klarblickweisheit ist die Anwendung der Achtsamkeit auf unsere gegenwärtige Erfahrung. Man kann die Wirklichkeit nur erleben, wenn sie existiert. Sie kann nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft gefunden werden. Nur was sich gerade jetzt präsentiert, ist letzten Endes auch wirklich und kann Auskunft geben über die wahre Natur von Körper und Geist. Wenn der Brennpunkt der Achtsamkeit auf das gegenwärtige Objekt gerichtet bleibt, dann wird es möglich, die wahren Merkmale bedingter Phänomene zu erkennen und sich vom Anhaften zu befreien.

Achtsamkeit ist der Weg
Rechte Achtsamkeit ist der führende Bestandteil des Achtfachen Pfades. Achtsamkeit ist der Ursprung der Weisheit, die entwickelt werden muß. Wenn Achtsamkeit geübt wird, werden alle anderen Bestandteile des Pfades dem einen Ziel der Befreiung zugewendet. Dann werden im Laufe der Zeit die sieben Reinheitsstufen und die sechzehn Klarblickschritte im Geiste manifest.

Zu Beginn der Übung sind jedoch Aachtsamkeit, Konzentration und die anderen Bestandteile des Pfades noch schwach. Deshalb spielt am Anfang die Energie eine entscheidende Rolle. Es ist die Entscheidung sich in der Übung anzustrengen, und weiterzumachen, bis die Achtsamkeit fest eingerichtet ist und das Klarblickwissen sich äußert.

Schauen wir uns nun die Reinheitsstufen und die Klarblickschritte im Einzelnen an-

I. Reinheit der Sittlichkeit
Der Anfänger kann seinen Geist nicht kontrollieren und für die Erforschung der Wirklichkeit einsetzen. Man fühlt sich gestört durch wandernde Gedanken, durch Aufregung oder Ängste, aber Konzentration und Weisheit lassen zu wünschen übrig. Unser Handeln ist oft von Unreinheiten motiviert. Das verursacht wiederum mehr Störung im Geist. So findet man keine Ruhe. Deshalb sollte man zunächst auf die Reinheit des Betragens mit Körper und Sprache achten, indem man die fünf, acht oder zehn Übungsregeln nimmt, wenn man ein Laie ist, oder die zweihundertsiebenundzwanzig Regeln für Bhikkhus. Wenn man sich an die Regeln hält, wird das Betragen gut, und der Geist beruhigt sich zumindest soweit, daß man sich weiter anstrengen kann, den Grad an Konzentration zu erreichen, der für weiteren Fortschritt unerläßlich ist. Reinheit des Betragens besteht in der Übung der Sittlichkeitsgruppe aus dem Achtfachen Pfad.

II. Reinheit des Geistes
Wenn Körper und Rede als wären es Tore bewacht werden von Achtsamkeit auf die Übungsregeln, dann liegt der nächste Schritt in der Überwindung der ablenkenden und störenden Gedanken, die aus Unachtsamkeit bei den fünf geistigen Hemmnissen entspringen - dazu gehören Sinnesbegierde, Ärger, Schläfrigkeit, Unruhe und skeptische Zweifel. Das wird erreicht durch die Entwicklung der Konzentration.

Sammlung und Klarblick - I
Hier gibt es nun zwei Wege, die Konzentration zu schulen. Die traditionelle Methode zu Buddhas Zeiten, die heute immer noch verbreitet ist, erzeugt Konzentration, indem der Geist auf ein ausgesuchtes Objekt fixiert wird, wie z.B. eine farbige Scheibe, eine Kerzenflamme oder ein Mantra. Wenn durch fortgesetzte Bemühung das Objekt allezeit fest im Geist verankert ist, dann tauchen die Hindernisse nicht auf, aber Sinnesempfindungen von der Außenwelt werden dennoch registriert. Das nennt man angrenzende Sammlung oder Konzentration. Die 'Reinheit des Geistes" ist erreicht, wenn die angrenzende Sammlung erreicht ist. Konzentriert man sich weiter ausschließlich auf das gewählte Objekt, so fällt der Geist am Ende in eine Art erhebende Freude und Ruhe. Da sind dann keine Sinnesempfindungen, also sind die Hemmnisse gründlich blockiert, zumindest zeitweise, während der Geist unrührbar fixiert ist auf ein rein geistiges Nachbild des ursprünglichen Objekts. Das ist dann Vertiefungskonzentration. Während der Vertiefung ist es nicht möglich, Klarblick zu entwickeln, weil man nicht auf das Ineinanderspiel der sechs Sinne achtet. Das Erreichen der Vertiefung mit Konzentrationstechniken führt deshalb auch nicht über diese zweite Reinheitsstufe hinaus. Es verstärkt nur die Festigkeit des Geistes.

Die Art von Konzentration, nun die in der Klarblick Meditation gebraucht wird, heißt momentane Konzentration. Die soll jetzt erklärt werden.

Momentane Konzentration
In der Übung des Klarblicks wird die Achtsamkeit auf jede Sinnesempfindung gerichtet, die einen der sechs Sinne berührt - die bekannten fünf und den Geist, der Emotionen, Gedanken, Erinnerungen und ähnliches erlebt. Der Meditierende erkennt bald die Schwierigkeit, die einander folgenden Sinneseindrücke klar zu sehen. Man kann nicht mal eins vom anderen trennen. Das liegt an unserer eingefleischten Gewohnheit, die Wirklichkeit zu ignorieren. Wir glauben, uns selbst zu kennen, und halten die Welt für ein eigenständiges Gebilde, das zu unserer Verfügung steht. Darum kümmern wir uns gar nicht mehr. Unsere Aufmerksamkeit ist voll beschäftigt mit Ideen und Vorstellungen über "Dinge", die wir selbst geschaffen haben auf der Basis komplexer Wahrnehmungsmuster, an denen alle Sinne beteiligt sind. Und so sehen wir die Welt im Zerrspiegel falscher Ansicht.

Wie meditiert man?
Für Klarblick Meditation ist es notwendig, die Aufmerksamkeit nach innen zu lenken, um zu beobachten, wie dieser Sinnesorganismus Erfahrung zustande bringt. Dabei muß man alle Vorstellungen beiseite schieben. Man muß sich nur bemühen, das tatsächliche Auftreten von Sinneseindrücken zu bemerken, z.B. sehen, hören, fühlen, denken. Die Abfolge dieser Eindrücke ist aber so schnell, daß man nicht einfach hineinspringen kann. Man hat ja keinen Halt. Deshalb soll man damit beginnen, ein einzelnes, wiederkehrendes Objekt zu beachten. Gewöhnlich ist die Empfindung des Hebens und Senkens der Bauchdecke beim Atmen das Hauptobjekt für die Klarblick Meditation. Es muß ununterbrochen beachtet werden. Wenn die Aufmerksamkeit abdriftet und der Geist wandert, abgelenkt ist oder Gedanken nachhängt, so muß man die Sinnesempfindung noten, die den Geist gerade beschäftigt. Danach richtet man die Aufmerksamkeit wieder auf das Hauptobjekt.

So übt man momentane Konzentration, indem man sich immer auf das konzentriert, was gerade im gegenwärtigen Moment passiert. Bei dieser Übung werden Achtsamkeit und Konzentration gleichermaßen, bis der Übende die geistigen Hindernisse erkennt, sobald sie im Geiste auftauchen. Wenn es so weit ist, hat der Meditierende schon Routine. Er wird sie noten und sogleich zurück zum Hauptobjekt gehen. Die zweite Reinheitsstufe, 'Reinheit des Geistes', ist in der Klarblick Meditation erreicht, wenn momentane Konzentration in ununterbrochener Folge entsteht, denn sie hat dann die Stärke von angrenzender Sammlung. Sie richtet sich aber nicht auf ein einzelnes Objekt, sondern ist offen, alles zu bemerken, was auftaucht.

Von hier an entfalten sich im Meditierenden die sechzehn Klarblickwissen,während er nur die Abfolge der Ereignisse beobachtet, so wie sie sich dem Bewßtsein präsentieren. Im Laufe dieser Entwicklung werden die drei allgemeinen Merkmale - Vergänglichkeit, Leidhaftigkeit, Substanzlosigkeit - immer deutlicher wahrgenommen, bei jedem Objekt, das man notet. Außerdem wird die momentane Konzentration weiter dadurch gekräftigt, daß man sich bemüht, die einzelnen Erlebnisse schneller zu erkennen, und sie dann losläßt, um bereit zu sein für das nächste Ereignis.

Sammlung und Klarblick - II
Was nun den Unterschied zwischen angrenzender Sammlung und momentaner Konzentration betrifft, da muß man sich vor Augen halten, wie unterschiedlich die Methoden und Ziele sind, mit denen die Geisteskraft Konzentration bei der Sammlungsmeditation und bei der Klarblicksmeditation eingesetzt wird.

In der Sammlungsübung, heißt es, ist angrenzende Sammlung erreicht, wenn das materielle Objekt klarbewußt erfaßt ist, und die Hindernisse vorübergehend unterdrückt sind. In der Klarblick Meditation ist das Objekt der Betrachtung jedoch die Vergänglichkeit, Leidhaftigkeit und Substanzlosigkeit aller Dinge - ein Objekt, das man nur mit Weisheit erkennen kann. Hat der Klarblick Übende die Stufe 'Reinheit des Geistes' erreicht, so gewinnt er jetzt die Fähigkeit, sich auf die besonderen Merkmale (sabhava) der einzelnen Objekte zu konzentrieren, die auf seine Sinne einwirken. Die unmittelbare Beobachtung führt ihn zu der Überzeugung, daß alle Objekte vergänglich sind. Die drei allgemeinen Merkmale der Existenz, das eigentliche Hauptobjekt der Klarblickübung, werden hier zum ersten Mal klar aufgefaßt und zum Inhalt der Meditation. Dies ist eine ähnliche Veränderung wie der Übergang zur angrenzenden Sammlung, weil die Konzentration die Stärke erreicht für eine Verfeinerung des Objekts und des wahrnehmenden Bewußtseins. Jedoch hat das Klarblickobjekt Merkmale, die nur erkannt werden können.

Eine weitere Paralelle liegt im Fortfall der fünf geistigen Hemmnisse. In der Klarblickübung werden die Hemmnisse aber nicht unterdrückt, sondern werden erlebt als vergängliche Phänomene, die kurz den Geist berühren. Die momentane Konzentration hat dann die Stärke angrenzender Sammlung erreicht, was die Überwindung der Hemmnisse betrifft.

Wenn der Klarblick gediegen wird in der Betrachtung der drei Merkmale, dann wandelt sich die momentane Konzentration in angrenzende Sammlung, die dem Erreichen des Edlen Pfades nahesteht. Dies ist eine andere Grenze als der Übergang zur Vertiefung bei der Sammlungsübung. Obwohl es nur eine Geisteskraft der Konzentration gibt, wird diese Kraft unterschiedlich eingesetzt, je nachdem, ob man Sammlung oder Klarblick anstrebt.

Sammlung und Klarblick - III
Schauen wir uns den Unterschied noch etwas näher an: Von Natur aus hat der Geist (nama) die Neigung sich hinzuneigen (namati) zu einem Objekt. Im Zuge der Sammlungsübung wird diese Neigung genutzt, indem man die Ausrichtung des Geistes auf das Objekt eingrenzt, um den Geist zu stabilisieren und ein geistiges Nachbild zu erlangen - das Kennzeichen der angrenzenden Sammlung. Ist dies erreicht, so sind die Hemmnisse überwunden, und der Prozeß läuft weiter auf die Erfüllung der fünf Vertiefungsglieder (jhananga) zu. Dazu gehören anfängliche und fortgesetzte Auffassung, Freude, Glücksgefühl und Objektausrichtung. Sind diese fünf gleichmäßig entfaltet, so geht die Konzentration in Vertiefung über. Man muß hier bemerken, daß die Hinneigung des Geistes zu weltlichen Objekten in der Sammlungsübung eingesetzt und verstärkt wird, bis ein geistiges Nachbild aufgefaßt wird, das dann als sinnlicher Ausdruck des vorgestellten Inhaltes dient.

In der Klarblickmeditation ist es genau umgekehrt: Die Übung wird unternommen, damit der Geist sich von allen Objekten abstößt, sich von allem löst. Das kann nur geleistet werden von überweltlicher Weisheit, die die Wirklichkeit bedingter Phänomene durchdringend versteht und sich gleichzeitig davon löst, ihr entsagt, sie aufgibt. Dann haben wir überweltliche Vertiefung, und das Verlöschen (Nibbana) ist Objekt des Geistes. Die angrenzende Sammlung, oder Sammlung, die an überweltliche Konzentration angrenzt.

Genau wie bei der weltlichen angrenzenden Sammlung der Geist sich auf das erworbene geistige Nachbild konzentriert, um das vollendete oder abstrakte Bild zu erreichen, das mit der Vertiefung einhergeht, so unternimmt der Geist bei der Verwirklichung des Edlen Pfades eine genaue Prüfung des Entstehungs- und Vernichtungs-prozesses, in beide Richtungen, bei jedem Akt der Achtsamkeit, um volles Verständnis der Vier Edlen Wahrheiten zu erlangen. Das ist dann überweltliche angrenzende Sammlung. Die Geisteskraft Konzentration kann das nicht bewirken, solange die anderen Bestandteile des Pfades noch nicht voll entwickelt sind.

Achtsamkeit ist Reinheit
Ganz zu Anfang der Meditation hat Energie die Führung, bis momentane Konzentration erzeugt ist. Dann, von der 'Reinheit des Geistes' an, übernimmt Konzentration die Führung, während Achtsamkeit darin geübt wird, die Konzentration im Moment zu halten. Aber wie sehr sich der Anfänger auch bemüht, jedes einzelne Geschehnis genau zu beachten, er kann die Hinneigung des Geistes zu den Objekten nicht kontrollieren. In dieser Phase kann es leicht geschehen, daß die Konzentration von momentan zu (weltlicher) angrenzender Sammlung überwechselt. Deshalb können geistige Bilder auftauchen, und die Vertiefungsglieder werden stark. Einzelne Übende mögen sogar unvermutet in Vertiefung gehen. Sie erleben ein plötzliches Verlöschen der Wahrnehmung und glauben, sie wären jetzt heilig. Daran sieht man, daß in der Anfangsphase momentane und angrenzende Sammlung sehr ähnlich sind. Erst wenn der vierte Schritt des Klarblickwissens ausgereift ist, hat Achtsamkeit die Genauigkeit und Kraft, daß sie ein Abweichen von momentaner Konzentration verhindern kann. Von da an übt der Geist nur, sich zurückzuziehen, sich fernzuhalten, die Phänomene loszulassen, sobald die Berührung erkannt wird.

Am Anfang sind Achtsamkeit und Konzentration nur latente Kräfte (indriya), die entwickelt werden müssen. Durch wiederholte Übung wachsen sie heran zu unüberwindlicher Stärke (bala), zu Erleuchtungsgliedern (bojjhanga), und schließlich zu Bestandteilen des Edlen Pfades (magganga).

Es ist also wichtig zu wissen, daß momentane Konzentration, in den Anfangsstufen, der weltlichen angrenzenden Sammlung sehr ähnlich ist und leicht umschlagen kann. Erst vom vierten Klarblickwissen ab ist es dann reine momentane Konzentration, kontrolliert von Achtsamkeit. Dann geht die Entwicklung auf das Erreichen überweltlicher angrenzender Sammlung und Vertiefung zu. Das ist nicht leicht zu erreichen, denn es ist sehr ungewohnt für den Geist, das Verlöschen aufzufassen. Es dauert vergleichsweise lange, obwohl die Stärke der weltlichen angrenzenden Sammlung schon auf dieser zweiten Stufe, der 'Reinheit des Geistes', erreicht ist.

III.Reinheit der Ansicht

Mit 'Reinheit der Ansicht' tritt auch der erste Schritt des Klarblickwissens auf, das 'Analytisches Wissen von Geist und Körper'. Die Konzentration entsteht von Moment zu Moment in ununterbrochener Abfolge, und die Achtsamkeit ist geschärft. Der Übende achtet jetzt weniger auf die Vorstellungen, die den Wahrnehmungsprozeß überlagern, während er allmählich der dahinterliegenden Realität gewahr wird.

1. Analytisches Wissen von Geist und Körper

In dem Vorgang des Hebens und Senkens der Bauchdecke kann man nun den Unterschied von Geist und Körper erkennen. In jedem Moment präsentieren sich ein materieller Vorgang und ein geistiger Vorgang, der auf ihm beruht. Darüber hinaus kann man auch verschiedene materielle Vorgänge an ihren besonderen Merkmalen erkennen. Es wird hier z. B. klar, daß das Heben der Bauchdecke ganz verschieden ist vom Senken. Wir haben es hier nicht mit ein und demselben Körper zu tun, sondern einfach mit verschiedenen materiellen Vorgängen. Das gleiche finden wir bei anderen Sinneswahrnehmungen, wie sehen, höhren, gehen, usw. Die Achtsamkeit ist fixiert auf die gegenwärtig erlebte Wirklichkeit von Geist und Körper, und es wird dem Übenden klar, daß es so etwas wie ein unabhängiges Selbst nicht gibt. Die Vorstellung des Selbst ist eine falsche Vorstellung, die auf die Erfahrung projiziert wird. Im Prozeß der materiellen und geistigen Vorgänge ist es nicht zu finden.

Das 'Analytisches Wissen von Körper und Geist' erkennt falsche Ansichten des Selbst zunächst einmal, und verwirft sie dann. Das ist die 'Reinheit der Ansicht'.

IV. Reinheit der Überwindung von Zweifeln
2. Wissen, das die Bedingtheit durchdringt

Durch ausdauernde Übung des Bemerkens wird der Übende bald die Ursachen der gegenwärtig auftauchenden Phänomene erkennen. Man notet zuerst die Absicht, sich zu bewegen, und hinterher den materiellen Vorgang der Bewegung. Daher weiß man, daß Materie vom Geist verursacht ist. Dann wieder bemerkt man zuerst die materielle Bewegung, und unmittelbar darauf den Geist, der diese Bewegung erlebt. Dadurch wird es klar, daß Bewußtsein nur entsteht, wenn da ein Objekt ist, materiell oder geistig. Auf diese Weise erreicht man den zweiten Schritt des Klarblickwissens, das 'Wissen, das die Bedingtheit durchdringt'. Durch unmittelbare Erfahrung versteht man, daß jeder Vorgang, der bemerkt wird, von Ursachen abhängt, die selbst auch bedingt entstanden sind. Man begreift, daß dies in der Vergangenheit immer genauso gewesen sein muß und auch in Zukunft so weitergehen wird. Wo auch immer die Bedingungen zusammenkommen, da können die resultierenden Phänomene nicht verhindert werden. Sind aber andererseits die Bedingungen nicht vorhanden, so kann man nichts erzeugen. Dies ist die 'Reinheit der Überwindung von Zweifeln' durch das'Wissen, das die Bedingtheit durchdringt'.

V. Reinheit der Klaren Schau, was der Pfad ist, und was nicht der Pfad ist
3. Wissen des Begreifens

Bei der Erforschung der Konditionierung, wie auch des Verlaufs konditionierter Phänomene, zentriert sich die Aufmerksamkeit nun auf die drei allgemeinen Merkmale. Der Übende stellt fest, daß ein Vorgang gänzlich verschwindet oder aufhört, bevor ein neuer beginnt. Selbst bei einer langen Folge des gleichen Objekts erlebt man sehr deutlich, daß jeder Moment sofort wieder wegfällt.

- Alle diese Vorgänge sind vergänglich. Wenn sie verschwinden,
bleibt nichts davon zurück.
- Das andauernde Auftauchen solcher Dinge, die wieder zer-
brechen, wird als unbefriedigend erlebt. Es ist leidhaft.
- Sie gehorchen nicht unseren Wünschen, sondern ändern sich
je nach den Bedingungen. Sie existieren nicht aus sich selbst
heraus und können niemandes Besitz sein.

Dies ist der dritte Schritt der Klarblickweisheit, das 'Wissen des Begreifens'. Auf dieser Stufe der Entwicklung treten häufig Phänomene auf, die geistig verursacht sind. Lichterscheinung, überströmende Freude und Glücksgefühle, innere Ruhe und unerschöpfliche Energie in der Übung weisen auf dieses Wissen hin. Es gibt da eine große Verlockung, diese Phänomene als definitive Ergebnisse der Übung zu betrachten und an ihnen anzuhaften. Der Übende ist zufrieden mit sich selbst und mit seinen Erlebnissen und versäumt es, Achtsamkeit auf diese 'Verzerrungen des Klarblicks' zu richten. Das sollte man aber tun. Wenn man sie nur einfach notet wie alle anderen Ereignisse, dann wird man sehen, daß auch diese besonderen Phänomene entstehen und vergehen wie alles andere. Dann haftet man nicht an ihnen, und wenn man sich weiter in der Übung bemüht, werden sie nach und nach aufhören.

Nun begreift der Meditierende, daß es in seinem eigenen Wesen nichts Privates gibt, das etwa von dem Prozeß der Veränderung ausgenommen wäre. Er gewinnt die Entschlossenheit, die Übung umfassend weiterzuführen und alles, was geschieht, zu beachten, ohne daran festzuhalten oder sich zu identifizieren. Zu dieser Zeit ist der Geist verfeinert durch die 'Reinheit der Klaren Schau, was der Pfad ist und was nicht der Pfad ist'.