Reinheit und Klarblick
by Acharn Thawee Baladhammo

VI. Reinheit der Klaren Schau des Übungsverlaufs

Bevor wir weitergehen, lassen Sie mich noch einmal zusammenfassen, was bisher gesagt wurde. Zu Beginn der Klarblickmeditation fällt es dem Übenden schwer, von der gewohnheitsmäßigen Wahrnehmung von Konzepten und Vorstellungen wegzukommen und seine Aufmerksamkeit auf das gegenwärtige Objekt zu richten. Wenn sein Betragen rein ist und seine Konzentration bis zur 'Reinheit des Geistes' entwickelt, so braucht er sich nur noch zu bemühen, mit dem Ablauf der Ereignisse Schritt zu halten. Dann taucht allmählich Klarblickwissen auf. Zunächst fällt einem auf, daß ständig neue Eindrücke erscheinen und die alten verdrängen. Man erkennt, daß das, was da entsteht, nur körperliche und geistige Phänomene sind. Wenn der zweite Schritt des Klarblickwissens erreicht ist, liegt das Hauptgewicht der Aufmerksamkeit auf der statischen Phase: Zuerst kommt ein Erlebnis, dann das nächste. Auf diese Weise wird das gegenseitige Aufeinanderberuhen von Geist und Körper aus der Beobachtung heraus verstanden. Beim 'Wissen des Begreifens', schließlich, liegt der Schwerpunkt auf der letzten Phase des Prozesses. Es wird deutlich erkannt, daß ein Vorgang völlig verschwindet, bevor der nächste beginnt.

An diesem Punkt im Übungsverlauf ist das gegenwärtige Objekt in den drei Phasen des Entstehens, der Dauer und des Verlöschens untersucht worden. Der Übende hat sich davon überzeugt, daß bedingte Phänomene, die Objekte der Betrachtung, vergänglich, unbefriedigend und substanzlos sind. Auf der Basis dieser klaren Wahrnehmung der drei Merkmale arbeitet man nun auf die Befreiung hin, und taucht dabei immer tiefer in die Natur der Wirklichkeit, während Achtsamkeit, Konzentration und Weisheit ihrer Vollendung entgegengehen.

Die folgenden Schritte des Klarblicks zeigen eine zunehmende Veränderung in der Art, wie diese Wirklichkeit erlebt wird. Der Geist wird Schritt für Schritt freier von Anhaften und Unwissenheit, um sich schließlich von der bedingten Existenz abzuwenden und das Überweltliche zu erkennen.

4. Wissen vom Entstehen und Vergehen

Vorläufig beherrschen Vorstellungen jedoch immer noch den Geist, und die Hemmnisse, wie auch einige Phänomene, tauchen gelegentlich noch auf. Sie können die Konzentration aber nicht ablenken und lassen sich durch achtsames Noten kontrollieren. Dann wird es auf einmal einfach, dem Prozeß des Entstehens und Vergehens zu folgen. Die Achtsamkeit arbeitet gleichmäßig, aber doch genau und kraftvoll, ohne besondere Anstrengung. Die aufeinanderfolgenden Sinnesprozesse werden klar in ihrem Entstehen und Vergehen erkannt. Das bringt wiederum die drei Merkmale klar zu Bewußtsein. Dieser Schritt des Klarblicks heißt 'Wissen vom Entstehen und Vergehen'.

5. Wissen der Auflösung

Nun werden die Momente der Achtsamkeit beschleunigt. Man erkennt winzige Bruchteile von Prozessen. Dadurch fallen konventionelle Vorstellungen und Begriffe völlig weg. Das Heben und Senken der Bauchdecke scheint schneller zu werden. Man sieht nur noch 'verschwinden, verschwinden'. Vertrauen, Energie, Achtsamkeit und Konzentration gewinnen jetzt allmählich ein Gleichgewicht. Dadurch wird die Weisheit gestärkt. Dem Übenden wird klar, daß selbst die Momente der Achtsamkeit - das Bemerken - nichts weiter als bedingte Phänomene sind. Sie folgen den Ereignissen unmittelbar und verlöschen dann. Dies ist das fünfte Klarblickwissen, das 'Wissen der Auflösung'.

6. Wissen der Frucht

Das sechste Wissen heißt 'Wissen der Frucht'. Da man ständig der momentanen Auflösung körperlicher und geistiger Ereignisse gewahr ist, erkennt man, daß es in der Welt nichts Zuverlässiges gibt. Es gibt keine Zuflucht und keine Sicherheit. Das Leben brennt fort von Moment zu Moment wie Lunte.

7. Wissen des Elends

Danach folgt der siebte Klarblickschritt, das 'Wissen des Elends'. Für den Übenden hat alles die Lebenswärme verloren. Alle Objekte, alle Bewußtseinszustände sind wie eine abgestreifte Schlangenhaut. Die Schlange ist nicht zu finden. Nichts existiert wirklich, wie man es vorher immer annahm. Es gibt nur den Prozeß bedingter Phänomene, die den Naturgesetzen zufolge abrollen. Das alles ist fürchterlich bedrückend.

8. Wissen des Überdrußes

Der achte Klarblickschritt heißt 'Wissen des Überdrusses'. Man ist völlig ernüchtert hinsichtlich Körper und Geist, den fünf Aggregaten des Anhaftens. Man weiß ganz klar, daß es in ihnen kein Glück zu finden gibt. Diese Erkenntnis löst ein Gefühl von Müdigkeit aus, von Überdruß. Aber es gibt keine Alternative: Angesichts des ununterbrochenen Wechsels von Erlebnissen und ihrer Auflösung wächst die Überzeugung heran, daß nur ihr endgültiges Verlöschen wirkliches Glück bedeutet.

9. Wissen des Verlangens nach Befreiung

Deshalb entsteht allmählich eine Sehnsucht, befreit zu sein von diesem Prozeß des Zerbröckelns und das Verlöschen zu erreichen. Obwohl man weiter meditiert, wünscht man nur, dem Bann bedingter Existenz zu entkommen. Dies ist das 'Wissen des Verlangens nach Befreiung', der neunte Klarblickschritt.

10. Wissen der Großen Bemühung

Als Reaktion auf das Verlangen nach Befreiung macht der Übende nun eine erneute Anstrengung in der Meditation. Wenn er die Übung des Bemerkens ernsthaft weiterführt, wird er am Ende dem Zustand des Leidens entrinnen. So erreicht er das 'Wissen der Großen Bemühung', den zehnten Klarblickschritt. Da ist dann plötzlich wieder viel Energie und Entschlossenheit, die Entwicklung weiterzuführen. Die Meditation wird sehr ausgeglichen und lückenlos. Die drei Merkmale stehen immer im Vordergrund.

11. Wissen des Gleichmuts vor Gebilden

Der elfte Schritt des Klarblickwissens, der letzte zur sechsten Reinheitsstufe gehörende, ist das 'Wissen des Gleichmuts vor Gebilden". Gebilde bezieht sich hier auf die Erlebnisse der körperlichen und geistigen Phänomene, die uns dauernd umgeben. Die Meditation läuft jetzt wie von selbst. Der Übende fühlt sich losgelöst von Körper und Geist. Man kann lange sitzen, ohne sich zu bewegen. Man kennt keine Vorliebe, keine Sorge, keinen Überschwang. Wenn man die Aggregate des Anhaftens ergreift, entsteht bloß Unbefriedigung. Also bleibt der Geist frei davon. Alle Erlebnisse werden mit großer Klarheit registriert.

Dies ist die Erfüllung der 'Reinheit der Klaren Schau des Übungsverlaufs'.

VII. Reinheit der Klaren Schau

Während des Übungsverlaufs hat die Konzentration ständig zugenommen. Inzwischen hat sie schon die Stärke der Vertiefung erreicht. Sie ist aber weiterhin auf die wechselhaften Sinneseindrücke gerichtet, die auf Körper und Geist einwirken. Der Geist ist währenddessen unverrückbar auf das gegenwärtige Objekt eingestellt. Es geht nicht mehr verloren. Der Übende betrachtet die drei Merkmale anhand der Auflösung der Daseinsgebilde von Moment zu Moment.

Die nun folgenden Schritte des Klarblicks treten auf in rascher Abfolge, ohne die geringste Verzögerung. So wie beim Einschalten einer Lampe die Bewegung des Schalters, der Stromfluß, das Aufleuchten der Birne, die Wahrnehmung des Lichts und das Erkennen dieser Wahrnehmung ohne Verzögerung geschehen, so geht es auch mit dem Aufblitzen überweltlicher Weisheit.

Wenn das 'Wissen des Gleichmuts vor Gebilden' stark wird, erreicht der Übende den Höhepunkt des Klarblickwissens, den 'Klarblick, der zum Entrinnen führt'. Im Zuge des Bemerkens wird eines der drei Merkmale besonders deutlich wahrgenommen. Mit dem Erscheinen des 'Klarblicks, der zum Entrinnen führt' wird dieses Merkmal wiederholt mit solcher Klarheit erkannt, daß alle besonderen Merkmale des Objekts verblassen.

12. Wissen der Anpassung

Übereinstimmung mit den Vier Edlen Wahrheiten

Hier beginnt der Bewußtseinsprozeß des Edlen Pfades. Bis hierher handelt es sich noch um weltliche Weisheit. Der Geist hat aufgrund seiner Hinwendung die ständig wechselnden Gebilde zum Objekt der Betrachtung. Durch die lebhafte Wahrnehmung der drei Merkmale gewinnt er nun die Kraft, sich abzuwenden von den auftauchenden und verschwindenden Ereignissen, um ihr völliges Verlöschen zu erkennen. Das 'Wissen der Anpassung' ist die eigentliche angrenzende Sammlung in der Klarblick Meditation. Die Erkenntnis stimmt hier mit den Vier Edlen Wahrheiten überein. Dieses Wissen faßt den gesamten Übungsverlauf der sechsten Reinheitsstufe zusammen, und sammelt die gebündelte Kraft der Betrachtung, die in den zurückliegenden Wissensschritten, dem sogenannten Vorbereitenden Pfad, angesammelt wurde. Der Geist ist nun bereit, einige der Fesseln, die ihn an bedingte Existenz binden, abzustreifen.

13. Reifewissen - Wechsel der Zugehöhrigkeit

Dieses Wissen gehört auch zum Bewußtseinsprozeß des Edlen Pfades, und es erscheint unmittelbar nach dem 'Wissen der Anpassung'. Seine Aufgabe ist es, den Übergang herzustellen zum völligen Verlöschen aller Daseinsgebilde. Nibbana ist hier das Objekt des Geistes, und die Konzentration ist auf Vertiefungsstärke angewachsen. Das 'Wissen der Reife' markiert den Übergang von weltlichem zu überweltlichem Geist. Beim Individuum sprechen wir von der Wandlung vom Weltling zum Edlen Menschen.

14. Pfadwissen

Dies ist der Moment wo überweltliche Weisheit erlebt wird. Der Geist ist vertieft in die Abwesenheit von Daseinsgebilden und erfährt so, durch unmittelbare Berührung, die ungeschaffene, ungeborene Wirklichkeit des Verlöschens. Die vereinte Kraft der acht voll entwickelten Pfadglieder zertrennt die Fessel der falschen Ansicht des Selbst, die Fessel des Zweifels über die Wahrheit und die Fessel des Glaubens an die Wirksamkeit von Ritualen zum Erreichen von Reinheit, Weisheit und Befreiung. Diese Fesseln haben von nun an keine Macht mehr über den Geist. Deshalb wird dieser Mensch jetzt ein Edler Mensch genannt. Er ist in den Strom, der zur Befreiung führt, eingetreten. Der Moment des Pfadbewußtseins, das nur einen Sekundenbruchteil dauert, heißt der 'Einzelne Bewußtseinsmoment des Edlen Pfades'.

15. Fruchtwissen

Für zwei oder drei Momente verharrt der überweltliche Geist im Verlöschen aller Gebilde, vertieft in Nibbana als Objekt.

16. Wissen des Rückblicks

Für den Übenden erscheinen die Wissenschritte zwölf bis fünfzehn als ein einziger Akt des Bemerkens. Ist der Geist wieder auf die weltliche Ebene zurückgekehrt, wird das Geschehene überblickt. Man kann sich erinnern, daß eines der drei Merkmale mit überragender Klarheit in einer raschen Folge des Bemerkens wahrgenommen wurde. Danach brachen alle Eindrücke für einen Moment ab. Der Gedanke: 'Was war das denn?' ist das 'Wissen des Rückblicks'.

Zum Beschluß

Die Entwicklung des Geistes, wie sie von Buddha gelehrt wurde, hat nur mit der Übung der Klarblick Meditation (Vipassana) zu tun. Durch die beständige Hinwendung auf den gegenwärtigen Moment, in dem Bemühen, ihn klar zu erfassen, wird der Geist von falschen Ansichten und der Verhaftung in weltlichen Bedingungen befreit. Die Auflistung der acht Bestandteile des Achtfachen Pfades setzt jedesmal die Klassifikation 'recht' oder 'richtig' dazu. Soweit die Klarblick Meditation davon betroffen ist, bedeutet dies, daß die Geisteskräfte, die Pfadglieder heißen, auf den gegenwärtigen Moment gerichtet sein müßen. Rechte Rede besteht in der Übung des Bemerkens und Benennens eines jeden Objektes, soblad es erlebt wird. Rechtes Handeln besteht in der Hinwendung des Geistes auf die Gegenwart. Rechter Lebenserwerb besteht in der gesunden Ernährung des Geistes durch die Überwindung der Hemmnisse, sodaß unheilsame Bewußtseinskräfte nicht mehr Fuß fassen können. Rechte Anstrengung liegt in dem Bemühen, sich von Anhaften zu befreien, den Klammergriff des Festhaltens zu lockern. Rechte Achtsamkeit betrachtet das jeweilige Objekt in seinem Entstehen und Vergehen. Rechte Konzentration ist momentane Konzentration, die den Geist auf den Fluß der wechselnden Ereignisse richtet. Rechtes Denken besteht im Erkennen der drei Merkmale, die nur über das gegenwärtige Objekt wahrgenommen werden können. Rechtes Verständnis ist das korrekte Wissen der wahren Natur bedingter Phänomene und führt zur Erkenntnis der Vier Edlen Wahrheiten. Wenn der Achtfache Pfad völlig entwickelt ist, dann erlebt man selbst, daß alles, was entsteht, auch dem Verlöschen unterworfen ist, und daß es nichts weiter als Leiden ist, was da verlöscht. Das Verlöschen des Leidens ist der Inbegriff echten und dauernden Glücks.

Während des Übungsverlaufs gibt es einige Schritte der Klarblickweisheit - die Wissensschritte der Frucht, des Elends, des Überdrusses - die auf jemanden, der ohne entsprechende Meditationserfahrung darüber hört, vielleicht abschreckend wirken können. Hierzu muß man wissen, daß die Gefühle von Furcht oder Elend, um die es sich hier handelt, gründlich verschieden sind von den gewöhnlichen Gefühlen. In der Klarblick Meditation werden sie nicht von Anhaften am Körper oder dem Verlangen nach Genuß verursacht. Im Gegenteil: Anstelle von Verblendung und Anhaften ist die Ursache dieser Erlebnisse in der lebhaften Wahrnehmung der Wirklichkeit mit Weisheit zu sehen. Konzentration und Achsamkeit haben hier ein hohes Niveau erreicht. Daher werden die Erlebnisse von Furcht oder die Wahrnehmung des Elends vom Meditierenden nicht als Objekte der Identifikation aufgefaßt. Man erkennt unmißverständlich, daß kein eigenständiges Selbst an dem Prozeß beteiligt ist. Es handelt sich hier nur um die weisheitsvolle Erkenntnis der drei Merkmale, die die furchteinflößende Unsicherheit von Geist und Körper und das Elend der Abhängigkeit von wechselhaften Bedingungen deutlich vor Augen führen. Der Meditierende weiß, daß seine Erkenntnis für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen gültig ist. Er hat grüblerisches Zweifeln hinter sich gelassen, er kennt den korrekten Weg geistiger Entwicklung, und er hat Vertrauen in die Weisheit Buddhas gefaßt. Daher wird er zuversichtlich weitergehen und schließlich die nötige Willenskraft aufbringen, um die Entwicklung bis ans Ziel fortzusetzen.

Die Verwirklichung von geistiger Reinheit und meditativem Klarblick durch Entfaltung der Achtsamkeit ist der Weg zur Befreiung, der von aufeinanderfolgenden Buddhas immer wieder neu entdeckt und gelehrt wird. Zahllose Schüler sind diesem Weg gefolgt und haben so dem Leiden ein Ende bereitet. Das ist heute weiterhin möglich. Die Natur der Wirklichkeit ist allezeit um uns. Wir können sie erkennen, wenn wir unseren Geist entwickeln, und diese Erkenntnis wird auch uns befreien.

Wer also die Stufen der Reinheit erreichen und Weisheit heranbilden möchte, sollte jede Gelegenheit wahrnehmen, Klarblick Meditation zu üben und die Vier Grundlagen der Achtsamkeit zu entwickeln. Man möge den Rat erfahrener Meditierer suchen, um sich mit den Einzelheiten der Übung bekannt zu machen und bald konkrete Ergebnisse zu erzielen. Man möge sich mit Gleichgesinnten im Gespräch und in der Übung zusammentun und sich gegenseitig in der Bemühung unterstützen. So wird die Buddhalehre, die Lehre der Wahrheit, auch in unserer Zeit eine weite Verbreitung erfahren, wie es in der Vergangenheit viele Jahrhunderte lang war.