Bevor wir weitergehen, lassen Sie mich noch einmal zusammenfassen, was bisher gesagt
wurde. Zu Beginn der Klarblickmeditation fällt es dem Übenden schwer, von der
gewohnheitsmäßigen Wahrnehmung von Konzepten und Vorstellungen
wegzukommen und seine Aufmerksamkeit auf das gegenwärtige Objekt zu richten.
Wenn sein Betragen rein ist und seine Konzentration bis zur 'Reinheit des Geistes'
entwickelt, so braucht er sich nur noch zu bemühen, mit dem Ablauf der Ereignisse
Schritt zu halten. Dann taucht allmählich Klarblickwissen auf. Zunächst fällt
einem auf, daß ständig neue Eindrücke erscheinen und die alten
verdrängen. Man erkennt, daß das, was da entsteht, nur körperliche und
geistige Phänomene sind. Wenn der zweite Schritt des Klarblickwissens erreicht ist,
liegt das Hauptgewicht der Aufmerksamkeit auf der statischen Phase: Zuerst kommt ein
Erlebnis, dann das nächste. Auf diese Weise wird das gegenseitige Aufeinanderberuhen
von Geist und Körper aus der Beobachtung heraus verstanden. Beim 'Wissen des
Begreifens', schließlich, liegt der Schwerpunkt auf der letzten Phase des Prozesses. Es
wird deutlich erkannt, daß ein Vorgang völlig verschwindet, bevor der nächste
beginnt.
An diesem Punkt im Übungsverlauf ist das gegenwärtige Objekt in den drei
Phasen des Entstehens, der Dauer und des Verlöschens untersucht worden. Der
Übende hat sich davon überzeugt, daß bedingte Phänomene, die
Objekte der Betrachtung, vergänglich, unbefriedigend und substanzlos sind. Auf
der Basis dieser klaren Wahrnehmung der drei Merkmale arbeitet man nun auf die
Befreiung hin, und taucht dabei immer tiefer in die Natur der Wirklichkeit, während
Achtsamkeit, Konzentration und Weisheit ihrer Vollendung entgegengehen.
Die folgenden Schritte des Klarblicks zeigen eine zunehmende Veränderung in der
Art, wie diese Wirklichkeit erlebt wird. Der Geist wird Schritt für Schritt freier von
Anhaften und Unwissenheit, um sich schließlich von der bedingten Existenz
abzuwenden und das Überweltliche zu erkennen.
Vorläufig beherrschen Vorstellungen jedoch immer noch den Geist, und die Hemmnisse,
wie auch einige Phänomene, tauchen gelegentlich noch auf. Sie können die Konzentration
aber nicht ablenken und lassen sich durch achtsames Noten kontrollieren. Dann wird es
auf einmal einfach, dem Prozeß des Entstehens und Vergehens zu folgen. Die
Achtsamkeit arbeitet gleichmäßig, aber doch genau und kraftvoll, ohne besondere Anstrengung.
Die aufeinanderfolgenden Sinnesprozesse werden klar in ihrem Entstehen und Vergehen
erkannt. Das bringt wiederum die drei Merkmale klar zu Bewußtsein. Dieser Schritt des
Klarblicks heißt 'Wissen vom Entstehen und Vergehen'.
Nun werden die Momente der Achtsamkeit beschleunigt. Man erkennt winzige Bruchteile
von Prozessen. Dadurch fallen konventionelle Vorstellungen und Begriffe völlig weg.
Das Heben und Senken der Bauchdecke scheint schneller zu werden. Man sieht nur noch
'verschwinden, verschwinden'. Vertrauen, Energie, Achtsamkeit und Konzentration
gewinnen jetzt allmählich ein Gleichgewicht. Dadurch wird die Weisheit gestärkt.
Dem Übenden wird klar, daß selbst die Momente der Achtsamkeit - das
Bemerken - nichts weiter als bedingte Phänomene sind. Sie folgen den Ereignissen
unmittelbar und verlöschen dann. Dies ist das fünfte Klarblickwissen, das
'Wissen der Auflösung'.
Das sechste Wissen heißt 'Wissen der Frucht'. Da man ständig der momentanen
Auflösung körperlicher und geistiger Ereignisse gewahr ist, erkennt man,
daß es in der Welt nichts Zuverlässiges gibt. Es gibt keine Zuflucht und keine
Sicherheit. Das Leben brennt fort von Moment zu Moment wie Lunte.
Danach folgt der siebte Klarblickschritt, das 'Wissen des Elends'. Für den Übenden
hat alles die Lebenswärme verloren. Alle Objekte, alle Bewußtseinszustände
sind wie eine abgestreifte Schlangenhaut. Die Schlange ist nicht zu finden. Nichts existiert
wirklich, wie man es vorher immer annahm. Es gibt nur den Prozeß bedingter
Phänomene, die den Naturgesetzen zufolge abrollen. Das alles ist fürchterlich
bedrückend.
Der achte Klarblickschritt heißt 'Wissen des Überdrusses'. Man ist völlig
ernüchtert hinsichtlich Körper und Geist, den fünf Aggregaten des
Anhaftens. Man weiß ganz klar, daß es in ihnen kein Glück zu finden gibt.
Diese Erkenntnis löst ein Gefühl von Müdigkeit aus, von Überdruß.
Aber es gibt keine Alternative: Angesichts des ununterbrochenen Wechsels von Erlebnissen
und ihrer Auflösung wächst die Überzeugung heran, daß nur ihr
endgültiges Verlöschen wirkliches Glück bedeutet.
Deshalb entsteht allmählich eine Sehnsucht, befreit zu sein von diesem Prozeß
des Zerbröckelns und das Verlöschen zu erreichen. Obwohl man weiter meditiert,
wünscht man nur, dem Bann bedingter Existenz zu entkommen. Dies ist das 'Wissen
des Verlangens nach Befreiung', der neunte Klarblickschritt.
Als Reaktion auf das Verlangen nach Befreiung macht der Übende nun eine erneute
Anstrengung in der Meditation. Wenn er die Übung des Bemerkens ernsthaft
weiterführt, wird er am Ende dem Zustand des Leidens entrinnen. So erreicht er das 'Wissen der Großen
Bemühung', den zehnten Klarblickschritt. Da ist dann plötzlich wieder viel Energie und Entschlossenheit,
die Entwicklung weiterzuführen. Die Meditation wird sehr ausgeglichen und
lückenlos. Die drei Merkmale stehen immer im Vordergrund.
Der elfte Schritt des Klarblickwissens, der letzte zur sechsten Reinheitsstufe gehörende,
ist das 'Wissen des Gleichmuts vor Gebilden". Gebilde bezieht sich hier auf die
Erlebnisse der körperlichen und geistigen Phänomene, die uns dauernd
umgeben. Die Meditation läuft jetzt wie von selbst. Der Übende fühlt sich
losgelöst von Körper und Geist. Man kann lange sitzen, ohne sich zu bewegen.
Man kennt keine Vorliebe, keine Sorge, keinen Überschwang. Wenn man die Aggregate
des Anhaftens ergreift, entsteht bloß Unbefriedigung. Also bleibt der Geist frei davon. Alle
Erlebnisse werden mit großer Klarheit registriert.
Dies ist die Erfüllung der 'Reinheit der Klaren Schau des Übungsverlaufs'.
Während des Übungsverlaufs hat die Konzentration ständig zugenommen.
Inzwischen hat sie schon die Stärke der Vertiefung erreicht. Sie ist aber weiterhin auf die
wechselhaften Sinneseindrücke gerichtet, die auf Körper und Geist einwirken.
Der Geist ist währenddessen unverrückbar auf das gegenwärtige
Objekt eingestellt. Es geht nicht mehr verloren. Der Übende betrachtet die drei Merkmale
anhand der Auflösung der Daseinsgebilde von Moment zu Moment.
Die nun folgenden Schritte des Klarblicks treten auf in rascher Abfolge, ohne die geringste
Verzögerung. So wie beim Einschalten einer Lampe die Bewegung des Schalters, der
Stromfluß, das Aufleuchten der Birne, die Wahrnehmung des Lichts und das Erkennen
dieser Wahrnehmung ohne Verzögerung geschehen, so geht es auch mit dem Aufblitzen
überweltlicher Weisheit.
Wenn das 'Wissen des Gleichmuts vor Gebilden' stark wird, erreicht der Übende den
Höhepunkt des Klarblickwissens, den 'Klarblick, der zum Entrinnen führt'. Im Zuge
des Bemerkens wird eines der drei Merkmale besonders deutlich wahrgenommen. Mit
dem Erscheinen des 'Klarblicks, der zum Entrinnen führt' wird dieses Merkmal
wiederholt mit solcher Klarheit erkannt, daß alle besonderen Merkmale des Objekts
verblassen.
Dieses Wissen gehört auch zum Bewußtseinsprozeß des Edlen Pfades,
und es erscheint unmittelbar nach dem 'Wissen der Anpassung'. Seine Aufgabe ist es,
den Übergang herzustellen zum völligen Verlöschen aller Daseinsgebilde.
Nibbana ist hier das Objekt des Geistes, und die Konzentration ist auf Vertiefungsstärke
angewachsen. Das 'Wissen der Reife' markiert den Übergang von weltlichem zu
überweltlichem Geist. Beim Individuum sprechen wir von der Wandlung vom Weltling
zum Edlen Menschen.
Dies ist der Moment wo überweltliche Weisheit erlebt wird. Der Geist ist vertieft in
die Abwesenheit von Daseinsgebilden und erfährt so, durch unmittelbare
Berührung, die ungeschaffene, ungeborene Wirklichkeit des Verlöschens. Die
vereinte Kraft der acht voll entwickelten Pfadglieder zertrennt die Fessel der falschen
Ansicht des Selbst, die Fessel des Zweifels über die Wahrheit und die Fessel
des Glaubens an die Wirksamkeit von Ritualen zum Erreichen von Reinheit, Weisheit und
Befreiung. Diese Fesseln haben von nun an keine Macht mehr über den Geist.
Deshalb wird dieser Mensch jetzt ein Edler Mensch genannt. Er ist in den Strom, der
zur Befreiung führt, eingetreten. Der Moment des Pfadbewußtseins, das nur
einen Sekundenbruchteil dauert, heißt der 'Einzelne Bewußtseinsmoment des
Edlen Pfades'.
Für zwei oder drei Momente verharrt der überweltliche Geist im Verlöschen
aller Gebilde, vertieft in Nibbana als Objekt.
Für den Übenden erscheinen die Wissenschritte zwölf bis fünfzehn
als ein einziger Akt des Bemerkens. Ist der Geist wieder auf die weltliche Ebene zurückgekehrt,
wird das Geschehene überblickt. Man kann sich erinnern, daß eines der drei
Merkmale mit überragender Klarheit in einer raschen Folge des Bemerkens
wahrgenommen wurde. Danach brachen alle Eindrücke für einen Moment ab.
Der Gedanke: 'Was war das denn?' ist das 'Wissen des Rückblicks'.
Die Entwicklung des Geistes, wie sie von Buddha gelehrt wurde, hat nur mit der Übung
der Klarblick Meditation (Vipassana) zu tun. Durch die beständige Hinwendung auf
den gegenwärtigen Moment, in dem Bemühen, ihn klar zu erfassen, wird der
Geist von falschen Ansichten und der Verhaftung in weltlichen Bedingungen befreit. Die
Auflistung der acht Bestandteile des Achtfachen Pfades setzt jedesmal die Klassifikation
'recht' oder 'richtig' dazu. Soweit die Klarblick Meditation davon betroffen ist, bedeutet dies,
daß die Geisteskräfte, die Pfadglieder heißen, auf den gegenwärtigen
Moment gerichtet sein müßen. Rechte Rede besteht in der Übung des
Bemerkens und Benennens eines jeden Objektes, soblad es erlebt wird. Rechtes Handeln
besteht in der Hinwendung des Geistes auf die Gegenwart. Rechter Lebenserwerb besteht
in der gesunden Ernährung des Geistes durch die Überwindung der Hemmnisse,
sodaß unheilsame Bewußtseinskräfte nicht mehr Fuß fassen
können. Rechte Anstrengung liegt in dem Bemühen, sich von Anhaften zu befreien,
den Klammergriff des Festhaltens zu lockern. Rechte Achtsamkeit betrachtet das jeweilige
Objekt in seinem Entstehen und Vergehen. Rechte Konzentration ist momentane Konzentration,
die den Geist auf den Fluß der wechselnden Ereignisse richtet. Rechtes Denken
besteht im Erkennen der drei Merkmale, die nur über das gegenwärtige
Objekt wahrgenommen werden können. Rechtes Verständnis ist das korrekte
Wissen der wahren Natur bedingter Phänomene und führt zur Erkenntnis der
Vier Edlen Wahrheiten. Wenn der Achtfache Pfad völlig entwickelt ist, dann erlebt man
selbst, daß alles, was entsteht, auch dem Verlöschen unterworfen ist, und daß
es nichts weiter als Leiden ist, was da verlöscht. Das Verlöschen des Leidens ist
der Inbegriff echten und dauernden Glücks.
Während des Übungsverlaufs gibt es einige Schritte der Klarblickweisheit
- die Wissensschritte der Frucht, des Elends, des Überdrusses - die auf jemanden, der ohne
entsprechende Meditationserfahrung darüber hört, vielleicht abschreckend
wirken können. Hierzu muß man wissen, daß die Gefühle von
Furcht oder Elend, um die es sich hier handelt, gründlich verschieden sind von den
gewöhnlichen Gefühlen. In der Klarblick Meditation werden sie nicht von Anhaften
am Körper oder dem Verlangen nach Genuß verursacht. Im Gegenteil: Anstelle
von Verblendung und Anhaften ist die Ursache dieser Erlebnisse in der lebhaften Wahrnehmung
der Wirklichkeit mit Weisheit zu sehen. Konzentration und Achsamkeit haben hier ein hohes Niveau
erreicht. Daher werden die Erlebnisse von Furcht oder die Wahrnehmung des Elends
vom Meditierenden nicht als Objekte der Identifikation aufgefaßt. Man erkennt
unmißverständlich, daß kein eigenständiges Selbst an dem Prozeß
beteiligt ist. Es handelt sich hier nur um die weisheitsvolle Erkenntnis der drei Merkmale,
die die furchteinflößende Unsicherheit von Geist und Körper und das
Elend der Abhängigkeit von wechselhaften Bedingungen deutlich vor Augen führen.
Der Meditierende weiß, daß seine Erkenntnis für Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft gleichermaßen gültig ist. Er hat grüblerisches Zweifeln
hinter sich gelassen, er kennt den korrekten Weg geistiger Entwicklung, und er hat Vertrauen
in die Weisheit Buddhas gefaßt. Daher wird er zuversichtlich weitergehen und schließlich
die nötige Willenskraft aufbringen, um die Entwicklung bis ans Ziel fortzusetzen.
Die Verwirklichung von geistiger Reinheit und meditativem Klarblick durch Entfaltung
der Achtsamkeit ist der Weg zur Befreiung, der von aufeinanderfolgenden Buddhas immer
wieder neu entdeckt und gelehrt wird. Zahllose Schüler sind diesem Weg gefolgt und haben so dem
Leiden ein Ende bereitet. Das ist heute weiterhin möglich. Die Natur der Wirklichkeit
ist allezeit um uns. Wir können sie erkennen, wenn wir unseren Geist entwickeln,
und diese Erkenntnis wird auch uns befreien.
Wer also die Stufen der Reinheit erreichen und Weisheit heranbilden möchte, sollte
jede Gelegenheit wahrnehmen, Klarblick Meditation zu üben und die Vier Grundlagen
der Achtsamkeit zu entwickeln. Man möge den Rat erfahrener Meditierer suchen, um sich
mit den Einzelheiten der Übung bekannt zu machen und bald konkrete Ergebnisse
zu erzielen. Man möge sich mit Gleichgesinnten im Gespräch und in der Übung
zusammentun und sich gegenseitig in der Bemühung unterstützen. So wird
die Buddhalehre, die Lehre der Wahrheit, auch in unserer Zeit eine weite Verbreitung erfahren,
wie es in der Vergangenheit viele Jahrhunderte lang war.


