REINHEIT UND KLARBLICK
by Acharn Thawee Baladhammo
Das Thema "Reinheit des Geistes und meditativer Klarblick" ist sehr tiefgründig.
Es hat zu tun mit Erlebnissen, die sich durch die Meditationspraxis einstellen. Leute,
die nicht meditieren, kennen diese Erfahrungen nicht. Aber auch die Übenden
selber finden es oft schwierig, einer kurzgefaßten Darstellung des Übungsablaufes
zu folgen, es sei denn, sie hätten zuvor schon buddhistische Schriften gelesen
und sich mit der Terminologie vertraut gemacht. Um Zweifeln oder Mißverständnissen
vorzubeugen, werde ich mich bemühen, die wirkliche Bedeutung der Vorstellungen
über geistige Entwicklung zu klären, wie wir sie in der Buddhalehre finden.
Wahrheit des Leidens
Das Ziel dieser Lehre, dargelegt in den vier edlen Wahrheiten, ist ein umfassendes
Verständnis, was Leiden eigentlich ist und wie man es beenden kann. Im buddhistischen
Verständnis bleibt der Begriff des Leidens nicht auf schmerzhafte oder deprimierende
Erfahrungen beschränkt. Er bezieht sich vielmehr auf Phänomene, die der
Veränderung unterworfen sind, die nicht so bleiben, wie sie sind. Denken Sie noch einen
Moment darüber nach, und Sie werden mir zustimmen, daß es in der Tat im
ganzen Universum nichts gibt, was dieser Definition von Leiden entgeht: Alles, was
existiert, ist abhängig von Bedingungen, die wiederum nicht stabil sind. Es gibt
nichts in der Welt, was sich im Laufe der Zeit nicht verändert. Was wir Glück
nennen, ist auch nur eine Ausdrucksform dieses Leidens. Wir können angenehme
Dinge und schöne Zustände genießen, solange sie dauern. Wir werden
aber immer das Problem haben, die Bedingungen für unser Glück aufrechtzuerhalten,
und wenn sie sich letztlich ändern, hinterlassen sie ein Gefühl der Entbehrung
und unbefriedigtes Verlangen, das nach Wiederholung ruft. Bedingte Phänomene
können keine dauernde Befriedigung geben. Deshalb nennen wir sie Leiden.
Wahrheit des Ursprungs: ...Verlangen...
Als Ursache des Leidens wird das Anhaften an diesen ewig wechselnden, bedingten
Phänomenen betrachtet - daß man sie für glückspendend und
dauerhaft hält. Wir nehmen fälschlich das Versprechen von Glück in
manchen Objekten wahr, und so entsteht Begierde. Das führt dann zum Anhaften
und Handeln, um zu bekommen, was wir wollen. Wenn unser Handeln Früchte
trägt, schweigt die Begierde vorübergehend. Das nennen wir dann Glück.
Es ist aber nicht die Anwesenheit von begehrten Objekten, was uns glücklich macht,
sondern nur die Abwesenheit von Verlangen im Geiste. Weil aber der Brennpunkt unserer
Aufmerksamkeit auf die Objekte gerichtet ist und nicht auf den Geist selbst, entsteht der
Eindruck, daß Glück eine Eigenschaft wäre, die den Objekten zugeschrieben
werden muß. Schließlich sehen wir nur einen Weg zum Glück, und der
führt über Objekte des Verlangens. So kommt es, daß Anhaften selbst für
eine gute Sache gehalten wird: Es ermöglicht uns, Dinge intensiver zu genießen.
In Wirklichkeit versuchen wir nur, das Verlangen loszuwerden, denn dann fühlen
wir uns glücklich. Und wir merken einfach nicht, daß es unmöglich ist,
das Verlangen auszulöschen, solange es auf vergängliche Phänomene
gerichtet ist.
Wahrheit des Verlöschens
Es liegt an unserer Unwissenheit über die wahre Natur der bedingten Phänomene,
daß wir Anhaften mit Glücklichsein verwechseln - und unwillentlich weiterhin mehr
Leiden anhäufen. Um nun aber die Ursache dieses Leidens unschädlich zu
machen, das heißt, nicht mehr anzuhaften, muß man den Schleier der Unwissenheit
durchdringen und eine korrekte Wahrnehmung der äußeren Welt erreichen.
Das läßt sich nicht einfach durch intellektuelle Studien oder ein moralisches
Leben bewerkstelligen. Man muß die geeignete Methode geistiger Entwicklung anwenden,
die zum Auftauchen überweltlicher Weisheit führt.
Wahrheit des Weges: Der achtfache Pfad
Für diesen Zweck hat Buddha die Übung der Klarblicksmeditation gelehrt,
anhand des Achtfachen Pfades. Der Achtfache Pfad besteht aus einer dreifachen Schulung:
Sittlichkeit, Konzentration und Weisheit.
Rechte Rede, Rechtes Handeln und Rechter Lebenserwerb - drei Glieder des
Achtfachen Pfades, bilden zusammen die Sittlichkeitsgruppe der dreifachen Schulung.
Rechte Anstrengung, Rechte Achtsamkeit und Rechte Konzentration bilden die Schulung der
Konzentration. Rechtes Verständnis und Rechtes Denken sind die Weisheitsgruppe.
Der Achtfache Pfad hat die Funktion, zum Ende des Leidens zu führen. Wenn
Sittlichkeit, Konzentration und Weisheit allmählich herangebildet werden durch
die Übung der Klarblicksmeditaion, wird der Geist mehr und mehr verfeinert, die
ursprüngliche Verblendung weicht schrittweise einem klaren Erkennen, wie die
Dinge eigentlich sind.

